Diese betroffenen Staaten begründen die Nichtanerkennung der Autonomie einer Volksgruppe mit der notwendigen politischen Stabilität. Sie fürchten dadurch den Zerfall ihrer Staaten. Doch die Praxis zeigt das Gegenteil. Der Zerfall der UdSSR und des ehemaligen Jugoslawien sind Beispiele dafür. Außerdem, wer würde es wagen zu behaupten, dass die Türkei, wo die kurdische Kultur und Sprache nicht anerkennt sind, stabiler ist als die Schweiz, wo viele Kulturen und Sprachen offiziell anerkannt sind ?
In Algerien steht die Frage der Abkopplung der Kabylei vom algerischen Staat nicht auf der Tagesordnung. Es ist wichtig zu betonen, dass in der Kabylei keine politische Bestrebung nach der Unabhängigkeit dieser Region vom Algerischen Staat vorhanden ist. Warum Autonomie für die Kabylei ?
Die Idee der Autonomie für die Kabylei ist eine natürliche Konsequenz der kabylischen Bewegung. Vor allen der sog. „schwarzer Frühling“ in der Kabylei von 2001, wo die algerischen Gendarmen über 120 Jugendliche erschossen haben, hat die Idee der Forderung nach einer Autonomie beschleunigt (2). Diese kurze Geschichte verdeutlicht, warum die Bestrebung nach der regionalen Autonomie der Kabylei innerhalb des algerischen Staates notwendig ist : Es ist Sommer in einem Dorf in der Kabylei. Die Hitze lässt die Bewohner nicht schlafen. Die Hauptstraße des Dorfes ist voll von Jugendlichen, die sich draußen aufhalten und diskutieren. Das Hauptthema ist die Asphaltierung der Straße des Dorfes. Es war im Jahr 2007 als der Bürgermeister der Gemeinde ein Budget für die Asphaltierung der Straße ihres Dorfes (nur etwa 500 m.) geplant hat. Doch der Vertreter der zentralen algerischen Regierung weigert sich, die Genehmigung für die Realisierung des Projektes, zu erteilen. Nur die Mobilisierung aller Dorfbewohner konnte den Vertreter der zentralen Regierung zwingen, den Bau der Straße zu akzeptieren. Die Bewohner des Dorfes haben ihm gedroht, sein Büro zu schließen und ihn nach Hause zu schicken.
Der Versuch des Vertreters der zentralen Regierung, das Projekt zu stoppen hat alle Bewohner des Dorfes „Tiwal“ verärgert. Es wurde Ihnen bewusst, wie wichtig es ist, für die Entwicklung der eigenen Region selbst vor Ort entscheiden zu können.
Dieses Ereignis hat die Bewohner des Dorfes geeinigt, was die Bedeutung einer Autonomie für die Kabylei ist. Entscheidungsbefugnisse für die Realisierung von Projekten auf lokaler Ebene in allen Bereichen (Wirtschaft, Kultur, Soziales, Verwaltung und Lokalpolitik) muss nicht die Macht der zentralen Regierung schwächen, sondern es kann einen wichtigen Beitrag für die Entwicklung des ganzen Landes leisten. Die Forderung nach der Autonomie der Kabylei und deren Notwendigkeit muss auf drei Ebenen verdeutlicht werden. 1) Innerhalb der Kabylischen Bevölkerung
Zum ersten Mal in der Geschichte der Kabylei seit der Unabhängigkeit entsteht eine Bewegung, die politische Rechte für ihre Bewohner fordert. Es handelt sich also um das Recht, auf eine eigene lokale Regierung. In der Vergangenheit war die Betonung der kabylischen Bewegung auf kulturellen und sprachlichen Gebieten. Die Forderung nach politischen Rechten war damals Tabu. In den letzten Jahren weiß man, dass politische Recht der Zentralpunkte der Forderung der kabylischen Bewegung sein muss. Denn nur wer politische Rechte hat, kann auch kulturelle, sprachliche und andere Rechte garantieren. Der „Mouvement pour l‘Autonomie de la Kabylie“ (MAK) (Bewegung für die Autonomie der Kabylei), der seit dem Sommer 2001 sich in der Kabylei gebildet hat, findet immer mehr Anhänger innerhalb der kabylischen Bevölkerung.
Unter der Verantwortung des MAK haben Tausende von Kabylinnen und Kabylen in Tizi-Wezzu z. B. am 20. April 2009 für die Autonomie der Kabylei mit kabylischen Flaggen demonstriert.
Es gibt auch immer mehr außerhalb dieser Bewegung Kabylinnen und Kabylen, die individuelle oder in Vereinen, sich für die Autonomie der Kabylei engagieren.
Der MAK ist jedoch die einzige politische Bewegung, die die Forderung nach der Anerkennung des kabylischen Volks innerhalb des algerischen Staates fordert.
Diese Anerkennung kann nur im Rahmen einer Autonomie der Kabylei realisiert werden. So die Forderung des MAK. Der MAK muss noch eine stärkere Aufklärungsarbeit vor allem innerhalb der kabylischen Gesellschaft leisten. Seine Botschaft muss lauten : "Jede Kabylin, jeder Kabyle, der sich wünscht, irgendwann in einer autonomen Kabylei zu leben, kann seinen Platz innerhalb des MAK finden. Unterschiedliche politische Richtungen müssen zugelassen werden.
Die Autonomie der Kabylei muss das Hauptanliegen des kabylischen Volks insgesamt sein. Nur so kann MAK sich entwickeln und den Anspruch erheben, die Interessen der Kabylei gegenüber der algerischen Regierung, zu vertreten.
Der MAK darf sich nicht zu einer politischen Partei entwickeln. Er muss überparteilich bleiben. Dieses Prinzip muss über jedem politischem Programm einer Partei stehen. 2) Gegenüber der algerischen Regierung
Seit seiner Unabhängigkeit ist Algerien von einer Krise in die andere versunken.
Die Kabylen, die einen wichtigen Beitrag für die Unabhängigkeit dieses Landes geleistet haben, werden von den Machthabern dieses Land ignoriert. Ihre Sprache und Kultur ist bis heute offiziell nicht anerkennt. Die Kabylen haben kein Vertrauen mehr in die algerische Regierung. Die algerischen Machthaber ihrerseits betrachten die Kabylei mehr als Problem denn als eine Bereicherung. (3).
Die Vertretung des kabylischen Volkes muss klarstellen, dass die Kabylen nur in Verhandlung mit der algerischen Regierung, die Autonomie dieser Region innerhalb des algerischen Staates erreichen möchten. Die Kabylen müssen den friedlichen Kampf für die Realisierung dieses Projektes weiterhin betonen, wie sie es in der Vergangenheit gemacht haben.
Die Realisierung einer regionalen Autonomie der Kabylei kann nur bedeuten, die Demokratisierung des algerischen Regimes und die Stabilisierung des Staats überhaupt. Mit der Durchsetzung der Autonomie für die Kabylei wäre denkbar, dass der zentralistisch organisierte algerische Staat, sich in Richtung eines Föderalstaates oder zum Staat der Regionen wie der Fall in Spanien ist, entwickelt.
Bis jetzt findet die Idee der Autonomie der Kabylei bei der algerischen Regierung kein Gehör.
Es wäre gut, wenn sie „Mehr Demokratie wagen“ würde. (4) 3) Gegenüber der arabischen Bevölkerung Algeriens
Die Akzeptanz der Kabylischen Kultur und Sprache ist in den letzten Jahren bei den Arabophonenen deutlich zu beobachten. Manche dieser Landesleute entdecken sogar ihre kabylischen Wurzeln. Manche sagen, dass sie Kabylen sind, der Islam habe sie jedoch arabisiert. Andere wollen Kabylen sein, nur damit sie sich das Recht nehmen können, gegen die kabylische Kultur und Sprache zu operieren. Diesen Staatsbürgern Algeriens muss man erklären, dass eine Autonomie der Kabylei nicht gegen sie gerichtet ist. Sowohl die Kabylen als auch andere Masiren und Araber bleiben alle algerische Staatsbürger. Nationale Organe des algerischen Staates werden unberührt bleiben. Die Kabylen streben weder nach einem Außenministerium noch nach einem Verteidigungsministerium. Sie wollen nur ihr Leben vor Ort selbst organisieren. Dazu gehören die Bereiche wie lokale Polizei, Justiz, Kultur und Wirtschaft. Auch die Arabische Sprache soll weiterhin in der Kabylei neben der kabylischen Hauptsprache existieren. Von einer Entwicklung der Kabylei z.B. im Witschaftsbereich können alle Algerierinnen und Algerier profitieren. Die Entfaltung der Kabylischen Sprache nach ihrer offiziellen Anerkennung kann nur in einer autonomen Kabylei realisiert werden.
Die Kabylische Sprache wird in der Kabylei seit 1995 nach einem Jahr Schulboykott, unterrichtet. Die Sprache wird jedoch nur als Sprache unterrichtet, als ob sie eine Fremdsprache wäre. Auch nach der Anerkennung der masirischen (berberischen) Sprache in der Verfassung des algerischen Staates als Nationale Sprache im Jahr 2002 hat diese Sprache keine erforderliche Unterstützung seitens des algerischen Staates erhalten. Nur Dank des Engagements vieler Kabylinnen und Kabylen konnte der Unterricht dieser Sprache einigermaßen erhalten bleiben. Anzumerken ist auch, dass trotz mangelnder Mittel, die kabylische Literatur, sich in den letzten Jahren erheblich entwickelt hat. Es gibt immer mehr Kabylinnen und Kabylen, die das Bedürfnis haben, in ihrer Muttersprache zu schreiben.
Die Entfaltung der Kabylischen Sprache braucht lokale und eigene Institutionen, die sich um sie kümmern werden. Die Kabylische Sprache muss als eine eigenständige und Arbeitssprache in der Kabylei anerkannt werden. Auch die Kabylen, die außerhalb der Kabylei leben, müssen die Möglichkeit haben, ihre Muttersprache zu praktizieren, genauso wie das Recht der Araber auf Verwendung ihrer Muttersprache in der Kabylei. Es ist unverständlich, warum eine Kabylin oder Kabyle in seiner eigenen Heimat, seine Geburtsurkunde in einer Fremdsprache erhält und nicht in seiner Muttersprache. Um nur ein Beispiel zu nennen. Akli Kebaili Anmerkungen : 1) So die Sorge des damaligen Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland Herzog auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos am 28.Jan. 1995, in : Hans-Joachim Heintze (Hg.), Selbstbestimmungsrecht der Völker - Herausforderung der Staatenwelt. Zerfällt die internationale Gemeinschaft in Hunderte von Staaten ? Texte der Stiftung Entwicklung und Frieden. Bonn1997
2) „A. Kebaili, „Volksaufstanden in der Kabylei. Die Entwicklung der masirischen Bewegung“, in Pogrom 219-3/2003, S. 24 – 26 3) Vergl. A. Kebaili, « Demokratie als einzige Lösung », in Tatort Algerien,
(Hg. Donata Kinzelbach) Mainz 1998 4) Zitat von Willy Brandt in seiner Regierungserklärung vor dem Deutschen Bundestag am 28.Oktober 1969.
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